Grußwort zur Weihe der Friedensglocke für Jerusalem

Weihe der Friedensglocke für Jerusalem,
1. August 2020, Hamburg-Volksdorf

Lieber Erzbischof Dr. Thissen, lieber Pfarrer Kautz, lieber Herr Läufer, liebe Kristina, lieber Herr Pape, liebe Fuhrleute und Mitwirkende,

Es ist mir eine Freude heute hier zur Glockenweihe ein Grußwort sprechen zu können, denn Ihr unermüdlicher Einsatz für Verständigung beeindruckt mich sehr.

Ihr Vorhaben ist sehr symbolisch. Am 9. November, dem Datum der Reichspogrommnacht im Jahre 1938 haben Sie ihren Verein Friedensglocken gegründet. Am 6. Juni, dem Datum des D-Day, der Landung Alliierter Truppen in der Normandie im Jahre 1944 haben Sie aus Militärschrott diese Glocke gegossen. Im Jahre 2025 – 80 Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs und der Befreiung Deutschland vom Nationalsozialismus wollen Sie mit der Glocke von hier nach Jerusalem fahren – in die Stadt, die Kristallisationspunkt einer enormen Vielfalt aber auch der Konflikte zwischen Ethnien, Kulturen und Religionen ist.

Ja das sind Symbole. Und man könnte sagen, es gibt schon so viel Symbolisches – gerade wenn wir von Erinnerung, und Versöhnung sprechen. Taten sind gefragt und zwar über die jeweiligen Momente und Gedenktage hinweg.

Und das machen Sie auch.
Sie gießen viele kleine Friedensglocken, sie organisieren unzählige Begegnungen, sie mobilisieren Jung und Alt, sie erzählen Geschichten, sie fahren jedes Jahr kreuz und quer durch Deutschland und dann in 5 Jahren durch sehr viele Länder und ganze 4.500 km bis Jerusalem. Bei jeder Station versammeln Sie viele neugierige und engagierte Menschen. Sie bewegen zum Nachdenken, zum Mitgefühl, zur Freundschaft.
Alle 35 km müssen Sie Unterkunft und Verpflegung für 10 Wagen, 20 Fuhrleute und ebenso viele Pferde suchen und finden.
Das ist sehr aufwendig und anrührend, sehr verrückt – und sehr sympathisch.

„Der Weg ist das Ziel“ meinte ich, als wir im Vorfeld miteinander sprachen, lieber Pfarrer Kautz. Damit waren Sie nicht ganz einverstanden, weil Sie sagten, dabei ginge das Ziel verloren.
Mir fällt dazu dann noch ein „im Gehen entsteht der Weg“ – das war das Motto der Woche der Brüderlichkeit für christlich-jüdische Zusammenarbeit die ich im Jahre 2015 auch mit eröffnen durfte.
Weltlich interpretiert heiß dies für mich:
Was könnte hoffnungsvoller und zukunftsträchtiger sein, als die Verbindung der Menschen über die Distanz und die Grenzen hinweg. Die deutsch-israelische Freundschaft zum Beispiel die trotz aller Probleme und politischer Widrigkeiten eine solche Form der Versöhnung und Erinnerung ist.

Wie groß ist aber die Distanz, wie stark sind diese Grenzen zwischen unseren beiden Ländern? Werden sie wieder größer, wieder unüberwindbarer, wie die Wahrnehmung es oft vermuten lässt? Und wo sind unsere Gemeinsamkeiten, jetzt, wo doch die Erinnerung an die Vergangenheit verblasst und Zeitzeugen des Holocaust kaum noch unter uns sind?

Wie viel kann mit Symbolik angesichts der aktuellen Herausforderungen wirklich erreicht werden will ich dahingestellt sein lassen. Mir geht es – wie Ihnen – um mehr.

Als Jüdin bin ich in den 60er Jahren nach Deutschland eingewandert. Damals war das noch keine Selbstverständlichkeit. Die meisten Juden konnten es sich nicht vorstellen, wieder in Deutschland zu leben oder gar nur einen Fuß wieder hierher zu setzen.
Paul Celan, der große Lyriker schrieb in seinem Gedicht „Todesfuge“: „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Das galt und gilt es immer noch für noch lebende Opfer und ihre Nachkommen zu überwinden.

Aus voller Überzeugung kann ich aber sagen, dass Deutschland mit der Zeit in Sachen Erinnerung und Gewissenserforschung gute Arbeit geleistet hat. Die Herausforderung bleibt aber und wird vielleicht sogar schwieriger. Die Aufarbeitung kann niemals aufhören. Die Erinnerung muss lebendig bleiben!

Der spanische Dichter Jorge Santayana sagte: „Wer sich an seine Vergangenheit nicht erinnern will, der ist dazu verdammt, sie wieder durchleben zu müssen.“ Das ist richtig und nie darf die enorme Verantwortung der nachfolgenden Generationen in Deutschland für die Shoah nachlassen.

Wie können aber neue Wege dieser Erinnerung begangen werden, um die Herzen auch der jüngeren Menschen zu erreichen, für die sie weitgehend theoretisch und eine Sache des letzten Jahrhunderts ist?
Was Sie machen, die Art und Weise wie sie beim Gehen den Weg entstehen lassen – das ist eine kreative Möglichkeit, die Erinnerung wachzuhalten.

Dafür setzen Sie sich kontinuierlich ein – nicht nur für einen Augenblick. Pfarrer Helmut Kautz, der große Motivator, Friedbert Enders, der unermüdlich die Treckstationen vorbereitet und fast Übermenschliches leistet. Egbert Läufer der Chef des Museumsdorfes hier, der sein Herz und das Museumsdorf geöffnet hat. Und Sie alle anderen – jeder und jede an seinem und ihren Platz.

Wir müssen nach vorne schauen und die Zukunft als Chance ergreifen. Unser Wertekanon kann nur eine Bedeutung haben, wenn jeder von uns ihn – jenseits von Symbolen – mit neuen Leben füllt, für ihn kämpft.

Bei allen Unterschieden – wir alle – Christen, Juden, Agnostiker, Atheisten – wir sind Kinder und Träger unserer abendländischen Kultur.
Der Segen der Aufklärung, die Verbrechen des Totalitären, die Realität von Auschwitz, der Frieden in Europa – das alles gehört zu unserem Abendland.

Nichts kann hier ungeschehen gemacht, nichts darf vergessen werden. Nichts aber davon ist unabänderlich oder endgültig. Die Demokratie selbst ist auch niemals abgeschlossen, niemals endgültig – es muss stets neu für sie gekämpft werden.

So ein Bestreben geht auch Hand in Hand mit zivilgesellschaftlichem Engagement – dem Herzstück jeder Demokratie.
Ihr Einsatz, meine Damen und Herren von dem Friedensglockenverein, ist wichtig. Und warum?
Weil es hier Nachholbedarf gibt, weil Sie hier auch etwas im wahrsten Sinne des Wortes bewegen können. Mit einem Projekt, das zugleich Empathie und Signalwirkung hat.

„Im Gehen entsteht der Weg“. Dieses Gehen, dieser Weg – sie zeigen in die Zukunft.

UND: Sie können auch jenseits von Jerusalem zum Ziel führen. Denn wie sagte Willy Brandt einmal: „Frieden ist nicht alles, aber alles ohne Frieden ist nichts“.
Kürzlich schrieb der große israelische Schriftsteller David Grossmann: „An den Punkten, wo Juden und Deutsche sich berühren, wird immer die offene Wunde der Shoah klaffen. Doch in Deutschland sind neue Generation herangewachsen. Sie setzen sich nicht nur mit der Shoah auseinander, sie setzen sich auch in der Erziehung ihrer Kinder mit Entschiedenheit für Freiheit, Demokratie und die Gleichheit aller Menschen ein“.

Liebe Leute von dem Friedensglockenverein!
Möge es so für sehr viele Menschen in Deutschland zutreffen! Lassen Sie uns alle dafür unbedingt auch weiterhin diesen Weg gehen!
Vielen Dank, guten Start morgen und alles Gute für ihre weitere so wertvolle Arbeit!

Hamburg, 1. August 2020,
Dr. h. c. Sonja Lahnstein-Kandel

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