Da steht sie: Eine kleine Friedensglocke auf dem häuslichen Ahnenschrein im Hause von Anat Alon in Israel – direkt neben den Fotoporträts ihrer Eltern, die das Unfassbare der Shoah überlebten.
Als ich, Anat vor Kurzem zu ihrem 70. Geburtstag besuchte und diese kleine Glocke an genau diesem Ort wiederfand, stockte mir für einen Moment der Atem. Dieser Ahnenschrein ist ein heiliger Ort der Erinnerung, des Schmerzes und der Würde einer Familie, deren Vater im Holocaust seine gesamte Verwandtschaft verlor. Dass ausgerechnet dort eine Glocke steht, die wir als Friedensglockenverein ihr geschenkt habe, grenzt an ein Wunder der Versöhnung. Denn Anat ist die Tochter von Shoah-Überlebenden – und ich bin der Enkel eines deutschen Waffen-SS-Soldaten. Nach den Gesetzen der Geschichte hätten zwischen uns nur Abgründe aus Sprachlosigkeit und Schmerz liegen dürfen. Doch das Leben hat eine andere, eine zutiefst berührende Geschichte geschrieben.
Mit Anat verbindet mich eine tiefe, über 20 Jahre gewachsene Freundschaft. Zwei Jahrzehnte lang haben wir gemeinsam den deutsch-israelischen Jugendaustausch zwischen Bad Belzig und Even Yehuda gestaltet. Wir haben Jugendliche beider Länder zusammengebracht, gemeinsam Gedenkstätten besucht, Brücken gebaut und Räume geschaffen, in denen Verstehen möglich wurde. Unsere Familien sind über all die Jahre miteinander aufgewachsen, aus Fremden wurden Weggefährten, aus Weggefährten wurde Familie.
Als wir uns voriges Jahr mit dem Friedensglocken-Pferdetreck auf den beschwerlichen, 3.500 Kilometer langen Weg von Berlin nach Jerusalem machten, um eine aus altem Militärschrott gegossene Friedensglocke ins Heilige Land zu bringen, war Anat an unserer Seite. Mit ihrer unermüdlichen Energie, als Übersetzerin, Vermittlerin und Herzensmensch hat sie entscheidend geholfen, schier unüberwindbare Hürden zu nehmen und die Glocke schließlich nach Jerusalem zu bringen. Als Dank für ihren unschätzbaren Einsatz schenkte wir ihr eine kleine Replik der Glocke – gegossen aus demselben Symbolmetall, das einst für Zerstörung stand und nun für den Frieden klingt.
Nun steht diese kleine Glocke auf ihrem Ahnenschrein. In einem bewegenden Video hat Anat ihre Gedanken dazu geteilt. Die Glocke deckt die Wunden der Vergangenheit nicht zu und wischt das Geschehene nicht weg. Aber sie steht dort als sichtbares Zeichen der Heilung. Sie bezeugt, dass Feindschaft überwunden werden kann, wenn Menschen einander in Wahrhaftigkeit, Liebe und Mut begegnen. Frieden ist kein kaltes Wort auf Papier. Frieden entsteht dort, wo Herzen sich öffnen und Versöhnung gelebt wird.
Danke, liebe Anat, für 70 Lebensjahre, für deinen unbeugsamen Mut, dein großes Herz und für eine Freundschaft, die zeigt, dass die Hoffnung immer das letzte Wort behält.



